Eine der besten Adressen Wiens für Ethno, Folk und Weltmusik: Die Sargfabrik im vierzehnten Gemeindebezirk.
Einheimischen Musikfreunden braucht man nicht erklären, welche Bedeutung dieses Kulturzentrum für die Stadt und sogar für deren Umland hat. Was aber selbst langjährige Sargfabrik-Besucher nicht wissen: In der späten Habsburg-Ära war die “Holz- und Metallsargfabrik Julius Maschner & Söhne” die größte des Kaiserreiches, deren Produkte in die ganze Welt exportiert wurden.
Julius-Maschner-Design galt als Nonplusultra der Bestattungsmode und außerdem bot die Produktpalette erstmals Pomp-Funebre-Accessoires für jede Geldbörse. Maschners Verfahren zur Imitation von Metallsärgen (patentiert 1884, im Gründungsjahr des Betriebs) durch Verwendung von Holz und metallisiertem Papier war ein durchschlagender Erfolg: “Als Imitat war der kunstvoll verzierte und äußerst begehrte Metallsarg der Adeligen nun auch für das Bürgertum erschwinglich. Über soziale, konfessionelle und regionale Grenzen hinweg sorgte das frühe Massenprodukt für eine beispiellose Uniformierung des Sargdesigns und veränderte die Bestattungsgewohnheiten in ganz Mitteleuropa.” (Text zur Eröffnung der Ausstellung “Die Geschichte der Sargfabrik Julius Maschner & Söhne. 1884-1985″)
Natürlich wurden auch bekannte Persönlichkeiten in Maschner-Särgen ihrer letzten Ruhe zugeführt (allerdings in luxuriösen Modellen aus echtem Metall): Kaiser Franz Joseph, Bürgermeister Karl Lueger oder der Komponist Franz Lehar.
Diese trockenen Fakten lassen schnell an das Image Wiens als Hotspot morbider Todeskultur denken. Noch ein Beweis jener melancholischen und nostalgischen Wehmut, die angeblich so typisch für die Wiener ist - lustvoll zur Schau gestellt von Autoren, Filmemachern und Musikern?
Ich glaube, dieses Klischee entspricht nicht der heutigen Realität (vielleicht stimmt es auch nicht für vergangene Zeiten - wenn man etwa an den Walzer als Ausdruck Wiener Lebensgefühls denkt). Jedenfalls hat sich Wien in den letzten Jahren sehr verändert. Man trifft hier auf mehr lebenslustige Menschen als auf grantelnde Melancholiker, die Friedhöfe und Begräbnisrituale verherrlichen (obwohl ihre Gespräche ziemlich lustig und sogar schräg-charmant sein können). Die Sargfabrik ist trotz ihres Namens dafür ein gutes Beispiel: Ein lebhafter und fröhlicher Ort des kulturellen Austauschs.
Und sie bietet mehr als Musik und Theater. Heute ist, abgesehen von einem hohen Rauchfang (für Leser außerhalb Österreichs: Schornstein), wenig von der ursprünglichen Architektur zu sehen. Das neue Gebäude erfüllt verschiedenste Funktionen: Wohnungen, Restaurant, Badehaus (nicht nur für Bewohner offen, allerdings sollte man Clubmitglied sein), Montessori-Kindergarten, Seminarräume und ein Konzertsaal. 1996 gegründet, fand die Sargfabrik - Verein für integrative Lebensgestaltung auch bald internationale Anerkennung als Sozial- und Kulturprojekt.
Übrigens - die meisten Wiener Musiker sind nicht Mitglieder des oben erwähnten Klubs der morbiden Künstler. Auch nicht Hotel Palindrone, die ziemliche Lust am Leben haben - und ein guter Ort um irdischen Genüssen zu frönen ist Ballsall Palindrone in der Sargfabrik. Gestern hattten wir dort den üblichen Spaß bis Mitternacht, mit zahlreich erschienen Tänzern und wunderbaren Gastmusikern: Das Trio Tanzebôm aus Wien sowie Daniel Mooser aus Südtirol.
Für all jene Leser, die nicht aus Wien stammen: Manche Einheimische können wie erwähnt ziemlich komisch sein, wenn sie über den Tod und das damit verbundene Drumherum reden. Haben Sie jemals das Wort “Holzpyjama” gehört? Damit bezeichnet man einen Sarg. Außerdem möchte ich auf einen Zweig der Wissenschaft verweisen, den ich dank Franz Lackners bahnbrechender Sargfabrik-Studie erst vor wenigen Stunden kennenlernte (siehe unten): “”Sepulturalkulturforschung”.
Bibliographie
Franz Lackner: Die Sargfabrik Julius Maschner & Söhne Wien - Unternehmensgeschichte als Spiegel gesellschaftlicher Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert. Ein wirtschaftshistorischer Beitrag zur Sepulkralkulturforschung (Vienna 200o)
Text zur Eröffnung der Ausstellung “Die Geschichte der Sargfabrik Julius Maschner & Söhne. 1884-1985″ (Vienna 2002. Quoted in www.action.at/cgi-bin/prairie/show.pl?id=4545)